Gartenheim

Unser Reizthema heute: Gartenheim

Manchmal, wenn ich hier etwas schreibe, denke ich: Allein die Tatsache, dass dieses Thema jetzt behandelt werden muss, ist so absurd, dass ich mich umdrehe und nach der versteckten Kamera suche.

Die renommierte hannoversche Wohnungsgenossenschaft Gartenheim schreibt jedes Jahr einen Geschäftsbericht, wie Wohnungsgesellschaften das eben so tun. Der Verfasser, ein Günter Haese, hat im Bericht für das Jahr 2015 neben den obligatorischen Geschäftszahlen auch einen Ausflug in potentielle zukünftige Problemfelder des Wohnungsmarktes unternommen. Ein Problemfeld scheint ihm dabei besonders am Herzen zu liegen, nämlich Flüchtlinge. Im Kern schreibt er, dass der hohe Zuzug von Flüchtlingen, die früher oder später aus ihren Containern in eine richtige Wohnung umziehen wollen, in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung darstellen werde. Insbesondere gibt er zu bedenken – wobei er u.a. auf Berichterstattung über Zustände und Vorfälle aus Flüchtlingsunterkünften verweist – dass nicht jeder der Zugezogenen mit unseren Sitten und Gebräuchen vertraut scheint und vornehmlich mit mietverhältnisrelevanten Themen wie Müllentsorgung, Treppenhausreinigung oder regelmäßigem Lüften in Konflikt geraten könnte. Außerdem positioniert er sich gegen die immer mal wieder aufkommende Debatte über mögliche Zwangsenteignungen, um Wohnraum zu schaffen, und gibt zu bedenken, dass auch der Wert einer Immobilie nicht mehr so richtig langfristig eingeschätzt werden könne, wenn sich die Nachbarschaften so rapide und plötzlich veränderten.

Herr Haese scheint sich darüber bewusst zu sein, was für ein heißes Eisen er da anpackt, denn so ziemlich jede potentiell strittige Begrifflichkeit wird von ihm in Klammern gesetzt. Ordentlich Dampf scheint er aber ablassen zu müssen, wenn er den Rahmen des nüchternen Geschäftsberichts so dehnt und vielleicht ein bisschen „über das Thema hinaus“ schreibt. Neben den genannten Thesen wird nämlich auch noch ein bisschen über Völkerwanderung und den Untergang des Abendlandes schwadroniert, und auch Anfängerfehler (im Sinne des Den-eigenen-Arsch-an-die-Wand-Kriegens) wie die Anrede der „Gutmenschen“ als solche (das mögen die nämlich gar nicht) haben sich eingeschlichen. Und er mag natürlich auch vielen Menschen Unrecht tun, die sich hier zu Unrecht als marodierende Mietnomaden beschrieben sehen. Aber genau so formuliert er als Mann vom Fach (in diesem Fall vom Fach Immobilienbranche) auch mutig viel Zutreffendes (oder zumindest Bedenkenswertes), was sich kaum einer öffentlich zu sagen trauen würde.

Der Shitstorm ist natürlich vorprogrammiert gewesen. Der Bürgermeister findet das „menschenverachtend“, und auch der Flüchtlingsrat (Was für eine Institution ist das eigentlich?) ist natürlich voll aufgebracht ob solch rechtsaußenpopulistisch-radikalvölkischer Hasshetze (das ist nicht die genau Formulierung, die hab ich mir gerade ausgedacht, aber so einen Unfug werden die bestimmt gesagt haben).

Es hat übrigens ein geschlagenes Jahr gedauert, bis die Medien auf dieses gefundene Fressen gestoßen sind. So viele Leute können also nicht Anstoß an dem Bericht genommen haben. Ich jedenfalls nehme keinen Anstoß. Ich würde sagen: eine zulässige und relevante Meinung, in dieser Form nicht unbedingt an der richtigen Stelle untergebracht und etwas zu emotional formuliert, aber: Respect, Herr Haese!

Ich fürchte bloß, dass Sie möglicherweise bald auf Jobsuche werden gehen müssen. Leider ernsthaft. Und ich hoffe, die Antifa weiß nicht, wo Ihr Auto steht.





(Und hier der Original-Geschäftsbericht: http://www.gartenheim.de/fileadmin/media/pdf/gh_geschaeftsbericht_2015_2.pdf; die Seiten 10-13 sind die, um die es geht)

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